Schwule und Lesben im Alter

Das Netzwerk für ambulante Pflege ist die einzige ambulante Pflegestation in Berlin und die erste in Deutschland, die sich auf die Pflege von Lesben und Schwulen im Alter spezialisiert hat.

Wir wissen, dass im Alter sehr schnell die Gefahr der Vereinsamung droht. Das betrifft insbesondere ältere Schwule, die sich – „wenn sie nicht mehr gefragt sind“ – häufig in ihre Wohnung zurückziehen und dort mehr und mehr vereinsamen.

Die Lebenserwartung der Menschen steigt zunehmend, somit auch die Lebenserwartung von Lesben und Schwulen. Mit steigender Lebenserwartung steigt auch das Risiko zu erkranken und evtl. pflegebedürftig zu werden.

Wird Hilfe und/oder Betreuung und Pflege nötig, so begegnen wir jedoch meist einer Generation lesbischer und schwuler Menschen, die Worte wie„lesbisch“ und „schwul“ nicht in den Mund nimmt. Sie sprechen von Freundschaften und leb(t)en im Verborgenen.

Wir pflegen aber auch ältere Lesben und Schwulen, die offen mit ihrer Lebensweise umgehen, die gerne „spezielle Angebote“ wahrnehmen, „andere Bedürfnisse“ zeigen und sich „darüber“ offen und natürlich austauschen möchten. Ihnen ist es wichtig, sich zu „zeigen“. Sie möchten sich nicht schon wieder verstecken, auch wenn sie über Jahrzehnte mehr oder weniger im Verborgenen gelebt haben.

Ob offen oder versteckt, wir sind als Pflegestation an dieser Stelle in ganz besonderem Maße gefordert. Wir sind diejenigen, die im täglich, unmittelbaren Kontakt mit den Pflegebedürftigen stehen. Wir sind maßgeblich beteiligt an der Gestaltung der Pflege-Beziehungen und erhalten dadurch die Chance, mit Sensibilität und Offenheit die Signale und besonderen Anforderungen der unterschiedlichen Lebensformen zu erkennen.

Wir fühlen uns dazu aufgefordert, eine lesbisch-schwulen gerechte Pflege zu ermöglichen. Das tun wir, in dem wir eine lebensweltorientierte Pflege anbieten, die sich mit der besonderen Lebenswelt lesbisch-schwuler Menschen auseinandersetzt und sich individuell an der Biographie der/des Einzelnen orientiert.

Das bedeutet, dass wir als Pflegekräfte auch integrativ tätig sind. Wir unterstützen darin, den Bezug zum sozialen Netz der zu Betreuenden stellvertretend immer wieder herzustellen, denn Pflege findet nach unserem Verständnis immer innerhalb des sozialen Mikrosystems (Familie, Freunde...) und des sozialen Makrosystems (Nachbarschaft, Gemeinde,...) statt, in dem sich der ältere Mensch bewegt (hat). Wir meinen, nur so kann es gelingen, dass lesbisch-schwule alte Menschen ihre Lebensgeschichte in die Pflegebeziehung einbringen.

Doch welche Voraussetzungen bringen wir als Pflegekräfte mit, um den oben beschriebenen Anforderungen gerecht zu werden?

Die Mitarbeit in den unterschiedlichsten Gremien zum Thema Lesben und Schwule im Alter, die kontinuierliche gemeinsame Reflektion im Team und die fortschreitende Sensibilisierung durch wiederholte Fortbildungen befähigen uns in besonderen Maße dazu, sensibel auf die Belange unserer Klienten eingehen zu können.

Wir haben in den vergangenen Jahren vielfältige Erfahrungen gesammelt im Umgang mit homosexuellen Menschen und lassen diese immer wieder in unsere tägliche Arbeit mit einfließen. Wir wissen, dass Homosexualität nicht nur eine Frage des Intimlebens, sondern der grundlegenden Identität eines Menschen ist und welche Folgen es haben kann, mit einer gesellschaftlich nicht akzeptierten Identität zu leben.

Uns ist bewusst, dass die sexuelle Orientierung immer auf dem Hintergrund der jeweiligen Biographie zu verstehen ist. Das bedeutet für uns auch, dass Lesben ihr Leben in vielen Bereichen völlig anders gestalten und z.B. mit ihrer Sexualität ganz anders umgehen als schwule Männer. Es bestehen hier große Unterschiede und unser Wissen darum hat Auswirkung auf die Gestaltung der Pflegebeziehung.

Wir verstehen es, wenn unsere homosexuellen Klienten ganz spezielle, für sie ausgerichtete (kulturelle) Angebote wahrnehmen möchten und unterstützen sie darin/helfen ihnen, diese wahrnehmen zu können.

Wir pflegen und betreuen Lesben und Schwule nach einem von uns entwickelten Pflegemodell, das als Grundlage für unsere Pflege dient. Wir hätten uns dabei gerne an bereits bestehenden Modellen und Vorbildern orientiert. Doch diese gibt es bislang noch nicht. Umso wichtiger ist es, sie zu schaffen.

Wir müssen und werden sie schaffen – für die nächste Generation und für uns selbst.

 

 

Fallbeispiel

  • Der Termin für die jeden Monat stattfindende Pflegevisite (Besuch vor Ort zur Überprüfung der Pflegequalität) stand an.´
  • In der Pflegeplanung hatte ich gelesen: „... ihre Freundin kümmert sich liebevoll um sie“.
  • Wenn ich ganz ehrlich bin, diese kurz gelesene Sequenz hatte mich neugierig gemacht. Ich wollte mehr wissen, wollte die beiden Frauen, die schon das stolze Alter von 80 Jahren überschritten hatten, kennen lernen.
  • Mich erwartete eine drahtige, geistig sehr rege und eher kleine Frau, die mich freundlich in die Wohnung bat. Ist meine Wahrnehmung zu sehr darauf ausgerichtet, so genannte typische äußerliche Anzeichen, die dem Erkennen dienen, auszumachen oder sind sowohl die kurz geschnittenen, glatt getragenen grauen Haare als auch die blauen Jeans nicht unbedingt als diesem Alter entsprechend anzusehen?
  • Die Freundin sitzt im Wohnzimmer und kann sich aufgrund ihrer Erkrankung kaum noch äußern, schaut mich aber mit offenem und warmem Blick an. Auch sie entspricht in ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht dem Gewohnten.
  • Ich werde zu meiner Freude nicht nur zum Tee, sondern auch dazu eingeladen, durch die erzählten Erinnerungen ein bisschen an dem gemeinsamen Leben teilzunehmen.
  • Ich erfahre, dass inzwischen 40 Jahre vergangen sind, seit die beiden Frauen, nicht nur ihr offensichtlich bewegtes Leben, sondern auch die gemeinsame Wohnung miteinander teilen.
  • Beide waren in selbständigen und angesehenen Berufen tätig und nahmen mit Lust und Freude am öffentlichen und kulturellen Leben teil. Je nach Möglichkeit geschieht das auch heute noch. Nur die gemeinsamen Reisen sind aufgrund des schlechter werdenden körperlichen Zustandes kaum noch möglich.
  • „Das Haus stand immer offen“ für gemeinsame Freundinnen, die liebevoll bewirtet und leidenschaftlich bekocht wurden.
  • Ich erfahre während der gemeinsamen Teestunde interessante aber auch schmerzhafte Details aus dem gemeinsamen Leben und verabschiede mich schließlich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen.
  • Meine Hoffnung, dass die offensichtliche Liebesbeziehung im Gespräch als solche benannt wird, ist nicht in Erfüllung gegangen.
    Bin ich darüber enttäuscht?
    Ganz ehrlich gesagt: nein
  • Hatte sie mir nicht mit vielen, vielen Kleinigkeiten in ihren Erzählungen deutlich gemacht, welcher Art ihre Beziehung tatsächlich war? War es wirklich noch notwendig die Worte Liebes- oder lesbische Beziehung konkret zu nennen?
  • Was mich und meine Wahrnehmung betrifft, lautet die Antwort: nein.
  • Aber was geschieht mit all den Informationen, wenn die Wahrnehmung nicht offen ist für andere Liebes- Lebensformen?

 

 
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